Perspektive-Tutorial

Perspektive-Tutorial

Beitragvon Kelhim » 07.09.2010 01:30

In den letzten Tagen habe ich mich damit (wieder einmal) beschäftigt und bin mit den Tutorials nicht zufrieden, die man so findet. Entweder sind sie zu einfach - oder zu kompliziert - oder zu ungenau oder sogar falsch. Darum jetzt mein eigenes hier, für mich selbst geschrieben - aber es kann auch anderen eine Hilfe sein.

Braucht man das?

Nein.

Weil es bei Kunst nicht darauf ankommt, ob etwas photorealistisch ist. Wenn eine Wolkenkratzerstadt auf den Betrachter den Eindruck einer Wolkenkratzerstadt macht, hat der Zeichner sein Ziel erreicht, egal, ob die Zeichnung nun perspektivisch korrekt ist oder nicht. Das menschliche Gehirn ist anfällig für optische Täuschungen, und warum sollte man das nicht ausnutzen? Selbst die perspektivisch korrekte Zeichnung baut auf der optischen Täuschung auf, in einer 2D-Zeichnung einen dreidimensionalen Raum zu erkennen. Davon abgesehen ist die hier gezeigte Perspektive unvollständig, weil sie perspektivische Krümmungen völlig außer acht lässt. Für weite Panoramabilder ist diese Technik also weniger geeignet, weil sich die Perspektive dann stark verzerrt. Sie ist eher für "menschliche" Sehwinkel von Nutzen, und wir blicken eher geradeaus als rund um uns herum.

Warum dann überhaupt Perspektivtechniken? Mit ihrer Hilfe kann es dem Zeichner gelingen, den Eindruck von "Unstimmigkeit" zu vermeiden ("So können die Häuser doch gar nicht stehen! Sieht man doch sofort!"). Besonders in der Vogel-und Froschperspektive, also wenn der Betrachter von weit oben oder von ganz unten blickt, verlaufen die Linien der Objekte besonders steil, und dann ist es einfach hilfreich, wenn die ungefähre Richtung dieser Linien, z.B. mehrerer Häuserblocks, stimmig erscheint.

Das bedeutet nicht, dass man sich sklavisch an die Methodik halten und jedes einzelne Haus danach zeichnen muss. Im Gegenteil können peinliche genaue Perspektivezeichnungen, wenn der Schwerpunkt mehr auf der Einhaltung von Regeln liegt als auf Phantasie und Zufall, übertrieben künstlich und irgendwie nach einer 3D-Version von Tetris aussehen. Das folgende (zeitraubende!) Schema dient also mehr der Orientierung und Hilfestellung als einer Handlungsanweisung.

Das möchten wir erreichen: Ein Hochhaus, das mit einer Kante zum Betrachter steht.
Bild

Allgemeines über Perspektive:

Betrachtet man ein Foto genauer, sieht man, dass alle Strecken, die zueinander parallel sind, sich in einem gemeinsamen Punkt schneiden, der innerhalb oder außerhalb des Fotos liegen kann. Das zeigt den perspektivischen Effekt, dass alle Objekte in der Entfernung "kleiner" werden. Diese Schneidepunkte nennt man Fluchtpunkte. Weil nicht alle Strecken der Welt zueinander parallel sind, sondern es unendlich viele unterschiedliche nicht-parallele Strecken geben kann, gibt es logischerweise auch unendlich viele Fluchtpunkte. Die Ebene, auf welcher der Fotograph stand (also der Boden) und alle Ebenen, die zu dieser Ebene parallel verlaufen, teilen dieselbe unendliche Zahl von Fluchtpunkten - also haben zwei Stockwerke eines quaderförmigen Hochhauses dieselben Fluchtpunkte für die Strecken der Hauswände, ein quaderförmiger schiefer Turm von Pisa und alle seine Stockwerke hingegen hätten zwar auch gemeinsame Fluchtpunkte, allerdings andere, tieferliegende als das erstgenannte Haus.

Die Menge aller Fluchtpunkte einer Ebene und aller zu ihr parallelen Ebenen nennt man Horizont - richtig, er ist dasselbe wie der richtige, natürliche Horizont, der Himmel und Erde trennt. Der natürliche Horizont liegt immer auf Augenhöhe des Betrachters und ist immer waagerecht (es sei denn, du drehst aus ästhetischen Gründen das ganze Bild, aber innerhalb einers Bildes verläuft er waagerecht). Jeder Fluchtpunkt muss auf dem Horizont liegen, alle zueinander parallelen Linien führen in diesen Fluchtpunkt auf dem Horizont.

Einzige Ausnahmen sind Strecken, die parallel zu einer beliebigen Bildseite verlaufen: Sie schneiden sich in keinem Fluchtpunkt auf dem Horizont, sondern bleiben genau vertikal oder genau horizontal. Beispiel: Ein Blatt Papier, das exakt gerade vor dem Betrachter hängt; keine der vier umrahmenden Strecken werden je einen Fluchtpunkt auf dem Horizont schneiden. Dreht man das Blatt Papier allerdings ein bisschen nach rechts oder links, schneiden die obere und die untere Seite einen Fluchtpunkt. Dreht man das Blatt Papier nach oben oder nach unten, schneiden die linke und rechte Seite des Papiers einen Fluchtpunkt auf einem zweiten Horizont, der nicht identisch ist mit dem "natürlichen" Horizont der Bild-Welt, sondern höher bzw. niedriger hängt. Beispiel: Schaut der Betrachter einen Abhang hinunter, verlaufen die Fluchtlinien der Straßenlaternen der unterschiedlichen Ebenen, der Betrachterebene und der Abhang-Schieflage, auf zwei unterschiedliche Horizonte.

Bild
Ist nicht gut geworden, sorry ...

Eine weitere Ausnahme sind Ebenen, die nicht nur nach vorne oder nach hinten gesenkt sind (wie die Straße im obigen Bild), sondern auch nach links oder nach rechts "schief" geneigt sind. Auch deren Fluchtpunkte liegen auf einem gemeinsamen Horizont, aber der verläuft dann auch nicht waagerecht, sondern diagonal! Diese schiefen Ebenen sind die einzige Ausnahme für nicht-waagerechte Horizonte.



Was wir brauchen:
  • Einen Blickpunkt oder Standpunkt des Betrachters. Am sinnvollsten ist es, den Standpunkt ganz unten in die Mitte eines leeren Blatts Papier einzuzeichnen - unterhalb dieses Punktes zeichnen wir im Folgenden nicht, und links und rechts brauchen wir in der Regel etwas Platz.
  • Den Grundriss eines Gebäudes, das wir zeichnen wollen. Er sollte nicht zu weit vom Blickpunkt entfernt liegen - je weiter entfernt, desto kleiner unser Ergebnis-Gebäude im Bild. Logisch, Dinge werden in der Entfernung für unser Auge schließlich "kleiner".
  • Eine horizontale Bildebene, irgendwo über dem Blickpunkt platziert, sinnvollerweise irgendwo zwischen dem Blickpunkt und dem Grundriss, sie kann den Grundriss aber auch schneiden (in diesem Fall wäre das Ergebnis-Gebäude nicht vollständig im Bild, sondern ein Querschnitt des Gebäudes). Bei der Bildebene handelt es sich um nichts anderes als die aus der Vogelperspektive betrachtete Unterseite des späteren Bildes! Also überlege dir, wie weit das Gebäude vom unteren Bildrand entfernt sein soll, bevor du die Linie setzt.
  • Eine Standebene, über dem Grundriss und der Bildebene. Die Standebene dient dem Gebäude als Untergrund, gleich setzen wir darauf einen Seitenriss des Gebäudes. Üblicherweise ist die Standebene auch die tatsächliche Unterseite des Bildes, muss sie aber nicht sein.
  • Den Horizont, natürlich irgendwo über der Standebene. Erinnere dich daran: Je höher der Horizont desto höher steht auch der Betrachter und blickt auf die Objekte hinunter.
  • Einen Seitenriss des Gebäudes, genau auf der Standebene und irgendwo links oder rechts an den Rand des Blattes, wo er nicht im Weg ist. Eigentlich reicht eine vertikale Linie, weil es uns nur um die Höhe geht, der Rest ist bloß Schmuck.

Wie wir vorgehen:
  1. Zunächst bestimmen wir unsere beiden Fluchtpunkte (es können auch mehr sein, aber bei einem quaderförmigen Hochhaus benötigen wir nur zwei). Wir bestimmen sie, indem wir den Winkel der unteren Kante des Grundrisses bis zum Blickpunkt herunterziehen (in unserem Fall ganz einfach 90 Grad) und die Strecken bis zur Standebene weiterführen. Wo sie die Standebene treffen, ziehen wir sie dann exakt vertikal bis zum Horizont hoch und markieren die Punkte, in denen sie den Horizont schneiden. Im Beispiel sind das F1' und F2'. Das sind unsere Fluchtpunkte für dieses Gebäude.
  2. Nun verbinden wir die Ecken des Grundrisses mit dem Blickpunkt und zeichnen die Punkte ein, auf der die jeweiligen Strecken die Bildebene schneiden. Diese Punkte führen wir dann exakt vertikal bis zum oberen Ende des Blattes Papier fort. Das sind die Kanten, die später auch das Ergebnis-Gebäude beschreiben werden.
  3. Ein Trick: Wenn zwischen dem Grundriss und der Bildebene eine freie Fläche liegt, führen wir eine der beiden vorderen Seiten bis zur Bildebene fort und markieren den Punkt, in dem diese Strecke die Bildebene schneidet. Auch diese Strecke führen wir vertikal bis zum oberen Ende des Blattes Papier fort. Nennen wir sie die Tricklinie.
  4. Die Tricklinie (im Beispiel hellblau) symbolisiert die vorderste Kante des Gebäudes, wenn es die Standebene bzw. Bildebene erreichen würde, also der Grundriss nach einer Seite hin breiter wäre. Die Strecke, die wir nun zur eigentlichen Seitenlänge des Gebäudes hinzugefügt haben, ziehen wir gleich wieder ab. Zuerst verbinden wir den Punkt, in dem sich die vertikale Tricklinie und die Standebene schneiden, mit dem Fluchtpunkt in der Richtung, aus der wir auch verlängert haben (im Beispiel verlängerten wir von rechts, also verbinden wir den Schneidepunkt oben auch mit dem rechten Fluchtpunkt).
  5. Jetzt kommt unser Seitenriss ins Spiel. Die Höhe des Seitenrisses führen wir nun durch das Bild waagerecht fort ; wenn der Seitenriss eher links steht, führen wir sie also nach rechts fort - und umgekehrt. Diese Gerade sagt uns, wie hoch das Gebäude im Bild wäre, wenn es im Bild auf der Standebene stünde. Tricklinie und Höhenlinie schneiden sich nun in einem Punkt - diesen Punkt verbinden wir mit dem Fluchtpunkt, den wir im letzten Schritt gewählt haben.
  6. Wir haben jetzt zwei Fluchtpunktverbindungen. Wo sich diese Strecken mit den Geraden schneiden, die wir in Punkt 2 nach oben gezogen haben (im Beispiel schwarz, oben), also mit den Kantengeraden des Gebäudes, dort ziehen wir die Verbindungen zum anderen Fluchtpunkt, den wir bisher noch nicht benutzt haben.
  7. Fertig. Alle vier Fluchtpunktverbindungen (im Beispiel dunkelblau) ergeben zusammen mit den Kantengeraden (im Beispiel schwarz) das Gebäude. Achte einmal auf den Abstand zwischen der Standebene und der unteren Kante des Ergebnis-Gebäudes! Es ist (perspektivisch verkürzt) dieselbe Entfernung wie die zwischen der unteren Ecke des Grundrisses und der Bildebene.


Update: Die Erklärung zum Horizont klarer formuliert und ergänzt.
The future has many paths.
Choose Whiskey.

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